Hundebegegnung – Wenn der Dackel zum Gorilla wird
Kennst du diesen Hund? Kaum taucht am Horizont ein Artgenosse auf, wächst er gefühlt um zwei Nummern. Aus dem kleinen Dackel wird ein Gorilla. Brust raus, Leine straff, bellen, springen, toben – und plötzlich scheint der andere Hund der größte Feind auf Erden zu sein.
Genau so ist Hubert.
Eigentlich ist er ein toller Kerl. Aber Hundebegegnungen bringen ihn komplett aus dem Gleichgewicht. Manchmal reicht es schon, wenn er einen Hund in weiter Entfernung entdeckt. Dann schießt er nach vorne, hängt bellend in der Leine und steht gefühlt senkrecht.
Früher dachte ich, wir müssten solche Situationen einfach „durchstehen“. Heute weiß ich: Mein Job ist nicht, mutig mitten hindurchzugehen. Mein Job ist, Hubert zu helfen.
Abstand ist keine Schwäche
Deshalb beginnt unser Training oft lange, bevor wir überhaupt einem Hund begegnen.
Ich suche Wege, auf denen ich weit schauen kann. Nicht, um anderen Hunden aus dem Weg zu gehen, sondern um rechtzeitig entscheiden zu können. Sehe ich einen Hund in 80 oder 100 Metern Entfernung, bleibe ich manchmal einfach stehen.
Ja, ich stehe da. Und warte.
Ich beobachte: Kommt der Hund wirklich zu uns? Biegt er ab? Ist er angeleint? Habe ich Platz, einen Bogen zu laufen? Muss ich lieber ein paar Meter zurückgehen?
Für viele sieht das wahrscheinlich seltsam aus. Für mich ist es Training.
Souverän ist nicht, alles auszuhalten
Es gibt diesen Mythos, man müsse seinen Hund nur souverän durch jede Begegnung führen. Als dürfte man niemals ausweichen oder Abstand schaffen.
Ich sehe das anders.
Souveränität bedeutet für mich, die Situation realistisch einzuschätzen und meinem Hund genau die Unterstützung zu geben, die er in diesem Moment braucht. Nicht mein Ego entscheidet – sondern das, was Hubert hilft.
Und ja, manchmal muss ich auch mein eigenes Kopfkino aushalten. Die Blicke anderer Menschen. Das Gefühl, bewertet zu werden. Trotzdem bleibe ich bei meinem Plan.
Genau hier passiert Lernen
Wenn Hubert den anderen Hund sehen kann, ohne sofort zu explodieren, passiert etwas Wichtiges.
Er sieht ihn. Er hört ihn. Er riecht ihn.
Und gleichzeitig lernt er: Ich muss mich nicht aufregen.
Das ist echtes Training. Nicht das perfekte Vorbeigehen auf zwei Metern Abstand, sondern der Moment, in dem der Hund noch ansprechbar bleibt und Erfahrungen sammeln kann.
Die schönsten Begegnungen
Und manchmal gibt es diese kleinen Sternstunden.
Der andere Mensch bleibt ebenfalls stehen. Wir schauen uns kurz an, geben uns ein Zeichen, laufen einen Bogen oder warten einen Moment. Beide Hunde kommen ruhig aneinander vorbei.
Ganz ohne Theater.
Mehr braucht es oft gar nicht.
Mein Fazit
Hundebegegnungen sind kein Wettkampf und kein Gehorsamkeitstest. Sie sind eine Alltagssituation, die viele Hunde erst lernen müssen.
Abstand schaffen, warten, beobachten und dem eigenen Hund Sicherheit geben – das ist kein Rückschritt. Das ist kluges Training.
Und wenn dein kleiner Dackel sich manchmal wie ein Gorilla aufführt, bist du damit ganz sicher nicht allein. 🐾
